Inforiot

Alternative News & Termine für Brandenburg

Pap­pen­klau in „Mit­tel­deutsch­land“

Quelle: antifaschistische Recherchegruppe Frankfurt (Oder)

Hier­mit ge­ben wir ei­nen Über­blick über die ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen und Ten­den­zen des Frank­fur­ter Stadt­ver­bands der AfD. Trotz des ho­hen Wahl­er­geb­nis­ses konnte Alex­an­der Gau­land den Ein­zug als Di­rekt­kan­di­dat in den Bun­des­tag nicht ver­wirk­li­chen. Auf kom­mu­nal­po­li­ti­scher Ebene glänzte die Frak­tion durch Un­fä­hig­keit, konnte aber ver­ein­zelt auch auf die Nähe & Un­ter­stüt­zung der lo­ka­len SPD, FDP und CDU Ver­bände bauen. Wilko Möl­ler sorgte mal wie­der für ei­nen Skan­dal und muss um seine Stelle als Bun­des­po­li­zis­ten fürch­ten. Auch sonst übte sich der Frank­fur­ter Stadt­ver­band in sei­ner Au­ßen­dar­stel­lung in ge­wohn­tem Ge­schichts­re­vi­sio­nis­mus.

Ge­gen­wind für Gau­land

Bei den Wah­len zum Deut­schen Bun­des­tag er­hielt die Par­tei im Wahl­kreis Frank­furt Oder/Oder-Spree 21,9 Pro­zent der Erst­stim­men und 22,1 Pro­zent der Zweit­stim­men. Alex­an­der Gau­land, sei­nes Zei­chens Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der des bran­den­bur­gi­schen Land­ta­ges und Di­rekt­kan­di­dat für den hie­si­gen Wahl­kreis, konnte da­mit sein Man­dat nicht ge­gen Mar­tin Pat­zelt (CDU) ge­win­nen. Er zog statt­des­sen über die Lan­des­liste in das Bun­des­par­la­ment ein. Zu ei­ner grö­ße­ren Ver­an­stal­tung in der Stadt lud der AfD-Ver­band am 11. Sep­tem­ber in das Bolfras­haus ein; dort sprach u.a. ihr Di­rekt­kan­di­dat Gau­land.

An­läss­lich des Ver­lusts ih­rer Wahl­pla­kate in der Stadt wäh­rend des Wahl­kamp­fes phan­ta­sierte der Frank­fur­ter AfD-Stadt­ver­band von ei­ner „grün-linksterroristischen Ver­nich­tungs­or­gie“, hin­ter der sie den Grü­nen Stadt­ver­band ver­mu­te­ten. (1) Sie setzte so­gar eine Be­loh­nung von 100 Euro für Hin­weise aus, die der Auf­klä­rung des Pap­pen­klaus die­nen wür­den. (2)

An­stoß nahm die Par­tei an der Kam­pa­gne „Schö­ner le­ben ohne Na­zis“, die sich für ein viel­fäl­ti­ges Zu­sam­men­le­ben und ge­gen die AfD aus­spricht. Die Kam­pa­gne im Vor­feld der Bun­des­tags­wahl wird un­ter­stützt von al­len Bran­den­bur­ger Ju­gend­ver­bän­den der CDU, SPD, FDP, Grü­nen und LINKEN. Die AfD ver­höhnte diese par­tei­über­grei­fende Po­si­tio­nie­rung ge­gen neo­fa­schis­ti­sche Po­si­tio­nen. Da­mit, so die AfD, sei klar, dass ihre In­halte be­reits kaum noch von­ein­an­der zu un­ter­schei­den seien, „Ein­zige Ziele blei­ben nur noch die Plün­de­rung des Staa­tes bei fort­schrei­ten­der Ver­nich­tung des deut­schen Vol­kes und die Un­ter­drü­ckung jed­we­den Wi­der­stan­des.“ (3)

kon­se­quen­tes Ab­stim­mungs­ver­hal­ten

Die AfD brachte sich kürz­lich in das Stadt­ge­sche­hen mit dem Vor­schlag ein, zu Eh­ren des CDU-Po­li­ti­kers Hel­muth Kohl den Platz vor dem Kleist-Fo­rum ent­spre­chend um­zu­be­nen­nen. Die Kom­mis­sion zur Stra­ßen­be­nen­nung hat sich letzt­lich da­ge­gen aus­ge­spro­chen; selbst der AfD-Ver­tre­ter Mein­hard Gu­tow­ski ent­hielt sich bei der Ab­stim­mung der Stimme – auf­grund der über­zeu­gen­den Ar­gu­mente der Geg­ner_in­nen der Um­be­nen­nung (4).

Für die Kreis­frei­heit ver­an­stal­te­ten die CDU, FDP und die SPD im Au­gust ei­nen In­fo­stand in der Stadt ge­mein­sam mit Ver­tre­ter_in­nen der AfD. OB Wilke war eben­falls an­we­send. Die bei­den Par­teien ha­ben of­fen­bar punk­tu­ell keine Be­rüh­rungs­punkte mit der rech­ten Par­tei. Auch SPD’ler Tilo Wink­ler, bis vor kur­zem noch Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der im Stadt­par­la­ment, nä­hert sich wei­ter­hin der AfD an. Dass er po­li­tisch kein Pro­blem mit ih­nen hat, zeigte sich schon mehr­mals, in­dem er ih­nen seine Räum­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung stellte (Re­cher­che­gruppe be­rich­tete, (5). Dazu von der MOZ be­fragt, äußerte er: „“Das war keine Wahl­kampf­ver­an­stal­tung und die AfD ist auch nicht ver­bo­ten. Trotz­dem bin ich da naiv her­an­ge­gan­gen“, sagt Tilo Wink­ler selbst. Noch ein­mal pas­siere ihm dies nicht.“ (6) Eine glatte Lüge – denn in­zwi­schen tritt er auch öffent­lich mit der AfD auf, etwa bei ei­nem ge­mein­sa­men Werks­be­such von BMW in Slubice. (7)

Werben zusammen für den Erhalt der Kreisfreiheit: Wilko Möller – AfD (2.v.l.), Martin Wilke – Oberbürgermeister (3.v.l.), sowie Vertreter der CDU-, SPD-, FDP- und LKBF-Stadtverbände. Quelle: facebook

Wer­ben zu­sam­men für den Er­halt der Kreis­frei­heit: Wilko Möl­ler – AfD (2.v.l.), Mar­tin Wilke – Ober­bür­ger­meis­ter (3.v.l.), so­wie Ver­tre­ter der CDU-, SPD-, FDP- und LKBF-Stadtverbände. Quelle: face­book

Re­vi­sio­nis­mus bleibt zen­tra­les Thema

Im Mai sorgte Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Wilko Möl­ler für ei­nen klei­nen Skan­dal: Auf sei­nem Face­book-Ac­count ver­öf­fent­lichte ein Bild, das ihn als jun­gen Bun­des­po­li­zis­ten mit Helm und Waffe zeigt. Ne­ben dem Bild ist der in neo­na­zis­ti­schen Krei­sen be­lieb­ter Spruch ver­merkt: „Klagt nicht, kämpft“. Ne­ben dem Auf­schrei von den Ver­tre­ter_in­nen an­de­rer Par­teien kam es zu ei­nem Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren sei­nes Ar­beit­ge­bers, der Bun­des­po­li­zei, ge­gen Möl­ler. (8)

Ein neues Ste­cken­pferd der AfD ist die „Aus­ein­an­der­set­zung“ um die deut­schen Ver­bre­chen im Zwei­ten Welt­krieg. Zum Volks­trau­er­tag fan­den sich Mit­glie­der der AfD auch wie­der bei der Ge­denk­ver­an­stal­tung auf dem Haupt­fried­hof zu­sam­men. Ih­nen sei es „Her­zens­sa­che“, die deut­schen To­ten ver­gan­ge­ner Kriege zu eh­ren. In dem ent­spre­chen­den Ar­ti­kel auf der Home­page be­dau­er­ten sie die we­ni­gen Mög­lich­kei­ten, sie zu eh­ren. „Bes­ser kön­nen die Re­gie­ren­den ihre Ver­ach­tung für das ei­gene Volk nicht dar­stel­len!“ (9) Am 21.10.2017 fand durch den Volks­bund Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sorge e.V. auf dem Zu­bet­tungs­fried­hof Liet­zen die Bei­set­zung von 50 deut­schen Wehr­machts­sol­da­ten statt. Die AfD nahm eben­falls daran teil. (10) In ei­nem Face­book-Kom­men­tar hieß es: „Wir als AfD glau­ben nicht, dass die re­gu­lä­ren Sol­da­ten Fa­schis­ten wa­ren. Sie sind miss­braucht wor­den.“ (Screen­shot) Der AfD-Stadt­ver­band hält es mit den deut­schen Wehr­machts­sol­da­ten of­fen­bar ähn­lich wie Alex­an­der Gau­land, der kürz­lich ein­for­derte, auf ihre Leis­tun­gen stolz zu sein. (11)

 Geschichtsunterricht mit der AfD: alle Wehrmachtssoldaten haben nur in die Luft geschossen. Quelle: facebook

Ge­schichts­un­ter­richt mit der AfD: alle Wehr­machts­sol­da­ten ha­ben nur in die Luft ge­schos­sen. Quelle: face­book

Die Rede des Frank­fur­ter Stadt­ver­ord­ne­ten­vor­ste­hers Wolf­gang Neu­mann am 9. No­vem­ber auf der Ge­denk­ver­an­stal­tung an­läss­lich der an­ti­se­mi­ti­schen Po­grome von 1938 miss­fiel der Par­tei sehr. Ih­rer Mei­nung nach sollte es al­lein bei der Eh­rung der jü­di­schen Op­fer blei­ben; kri­ti­sche Be­züge zur Ge­gen­wart – zu dem auch der durch die AfD flan­kierte An­stieg ras­sis­ti­scher und na­tio­na­lis­ti­scher Ge­dan­ken und Ge­walt­ta­ten ge­hört – sind ih­rer Mei­nung nach dort fehl am Platz. „Wie tief muss der Schock [über die Wahl­er­folge der AfD] der eta­blier­ten Block­flö­ten­par­teien in die­ser ver­siff­ten Alt-68er Gut­men­schen­re­pu­blik sein, dass sie je­den An­lass zur Be­kämp­fung freien Ge­dan­ken­gu­tes scham­los aus­nut­zen.“ (12)

In ei­nem an­de­ren Ar­ti­kel zur Wende und dem Ende des Ost­blocks wird die DDR als „Mit­tel­deutsch­land“ be­zeich­net – ein Be­griff, der von je­nen ver­wen­det wird, die im­mer noch ei­nen An­spruch auf die Ge­biete er­he­ben, die bis 1937 zum Deut­schen Reich ge­hör­ten. (13)

alte Pro­bleme – neue Ak­zep­tanz

Der Stadt­ver­band der AfD pflegt wei­ter­hin ein ty­pi­sches rechtspopulistisch-völkisches Pro­fil und ist da­mit der do­mi­nan­ten Strö­mung der Bun­des-AfD in­halt­lich sehr nahe. Wie der Rest der Par­tei sti­li­siert sich die Frank­fur­ter AfD gern als Op­fer ei­ner ver­meint­li­chen Kam­pa­gne ge­gen sich selbst und gibt sich als Anti-Es­ta­blish­ment-Par­tei. Ihr Feind­bil­der sind die Links­par­tei und die Grü­nen; de­ren Po­li­tik hält sie in je­der Hin­sicht für falsch. Sie hängt ei­nem re­vi­sio­nis­ti­schen Op­fer­kult, ins­be­son­dere be­zo­gen auf den Zwei­ten Welt­krieg, an. Re­vi­sio­nis­mus und Op­fer­in­sze­nie­rung täu­schen nicht über die kom­mu­nal­po­li­ti­sche Un­fä­hig­keit des Frank­fur­ter AfD Stadt­ver­bands hin­weg. In der kom­mu­nal­po­li­ti­schen Pra­xis konnte sie bis­her we­der stadt­po­li­ti­sche Er­folge ver­zeich­nen, noch sich durch in­halt­lich über­zeu­gende Bei­träge pro­fi­lie­ren. Trotz­dem nimmt die teil­weise An­nä­he­rung von CDU, FDP & SPD an die Frank­fur­ter AfD eine ge­fähr­li­che Ent­wick­lung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Inforiot