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Of­fe­ner Brief an die Or­ga­ni­sa­tor_in­nen des F_AN­TIFA-Kon­gres­ses in Pots­dam

Quelle: Brigade Poldi Cool
An die­sem Wo­chen­ende ver­an­stal­tet Ihr im Frei­land ei­nen Kon­gress zu fe­mi­nis­ti­scher an­ti­fa­schis­ti­scher Po­li­tik. Seit lan­gem wird da­mit aus An­tifa-Krei­sen mal wie­der eine große in­halt­li­che Ver­an­stal­tung in Pots­dam durch­ge­führt.
Ein sol­cher in­halt­li­cher In­put ist, ge­rade nach der star­ken ak­ti­vis­ti­schen Mo­bi­li­sie­rung des letz­ten Jah­res, die viele jün­gere Leute zum ers­ten Mal in Kon­takt mit An­tifa ge­bracht hat, grund­sätz­lich be­grü­ßens­wert und drin­gend nö­tig. Und tat­säch­lich habt Ihr es ge­schafft, es wird in­ten­siv an den WG- und Knei­pen­ti­schen die­ser Stadt, in den Haus­pro­jek­ten und auf den Plena der po­li­ti­schen Grup­pen über den Kon­gress dis­ku­tiert.
Auch wir ha­ben diese Dis­kus­sio­nen ge­führt und stell­ten da­bei fest, dass wir ei­nige An­sätze auf der Kon­fe­renz für hoch­gra­dig pro­ble­ma­tisch und kri­tik­wür­dig hal­ten.
Wir möch­ten Euch die Kri­tik daran hier­mit zu­gäng­lich ma­chen, wis­send, dass es bes­ser ge­we­sen wäre, dies frü­her zu tun und dass Ihr jetzt keine Mög­lich­keit mehr habt, das Pro­gramm zu mo­di­fi­zie­ren. Wir den­ken aber, dass die Pro­bleme, die wir an­spre­chen über den Tag hin­aus Be­deu­tung ha­ben und die Dis­kus­sion darum auch nicht an die­sem Wo­chen­ende auf­hö­ren wird.
Wir ma­chen diese Kri­tik öffent­lich, weil wir hof­fen, dass aus den De­bat­ten an den WG-Ti­schen eine ge­mein­same po­li­ti­sche Dis­kus­sion ent­steht, die zu theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Klä­run­gen führt, auf die eine pro­gres­sive an­ti­fa­schis­ti­sche Po­li­tik in die­ser Welt­ge­gend auf­bauen kann.
Kri­tik­punkt 1): Jüd_innen, Is­rael – und An­ti­se­mi­tis­mus?
Ein Schwer­punkt Eu­rer Ver­an­stal­tung ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ju­den­tum, es gibt eine Ver­an­stal­tung zu jü­di­schen Par­ti­sa­nin­nen („Kampf bis zum letz­ten Schuss – Von jü­di­schen Stadt­par­ti­sa­nin­nen und Spreng­stoff­schmugg­le­rin­nen“) ei­nen „Safer/Braver Space für Men­schen mit jü­di­scher Ge­schichte“, ei­nen Le­se­kreis zu An­ti­se­mi­tis­mus und An­ti­fe­mi­nis­mus im Deut­schen Kai­ser­reich und ei­nen Work­shop zum Thema „F_an­ti­fa­schis­ti­sche Per­spek­ti­ven jü­di­schen Le­bens aus­ser­halb der Shoa und is­rae­li­scher Staats­po­li­tik“, der ganz klar als an­ti­zio­nis­ti­scher Work­shop, ge­hal­ten aus ei­ner links­ra­di­ka­len is­rae­li­schen Per­spek­tive, an­ge­kün­digt wird.
Hieran sto­ßen uns meh­rere Sa­chen auf. Dass The­men mit Be­zug zum Ju­den­tum auf ei­ner an­ti­fa­schis­ti­schen Kon­fe­renz in Deutsch­land so eine pro­mi­nente Stel­lung ein­neh­men hat ja nur ei­nen Grund: die im deut­schen Mas­sen­mord an den Jü­dIn­nen Eu­ro­pas gip­felnde an­ti­se­mi­ti­sche Ge­schichte die­ses Lan­des. Aus an­ti­fa­schis­ti­scher Per­spek­tive gäbe es auch ak­tu­ell viele Gründe, sich mit dem Thema An­ti­se­mi­tis­mus zu be­schäf­ti­gen. An­ti­se­mi­tis­mus ist das fal­sche Ver­ständ­nis vom Ka­pi­ta­lis­mus, die re­gres­sive Ver­ar­bei­tung der Er­fah­rung der Kri­sen­haf­tig­keit der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­ge­sell­schaf­tung. Als sol­cher er­lebt er ak­tu­ell eine Re­nais­sance wenn auf fins­tere Mächte ge­schimpft wird, die Po­li­tik und Ge­sell­schaft ma­ni­pu­lie­ren wür­den. Im­mer öfter wer­den sie auch be­nannt: DIE an­ti­se­mi­ti­sche Chif­fre des 19. und 20. Jahr­hun­derts, „die Roth­schilds“ fei­ert fröh­lich Ur­ständ.
Aber es scheint, dass An­ti­se­mi­tis­mus für Euch nur Ge­schichte ist. Es fin­det sich kein Work­shop zu ak­tu­el­lem An­ti­se­mi­tis­mus. Und dass in ei­ner Stadt, in der in den 90er Jah­ren mit der „Na­tio­na­len Be­we­gung“ eine der an­ti­se­mi­tischs­ten mi­li­tan­ten Na­zi­grup­pen der Nach­wen­de­zeit ope­rierte. Die Mit­glie­der die­ser Gruppe wur­den Dank der Pro­tek­tion durch den Ver­fas­sungs­schutz nie ge­fasst. Die Lan­des­re­gie­rung Bran­den­burgs ver­sucht ak­tu­ell die Auf­klä­rung die­ses Ge­sche­hens durch den Bran­den­bur­ger NSU-Un­ter­su­chungs­aus­schuss zu tor­pe­die­ren. Das ist auf Eu­rer Kon­fe­renz kein Thema, eben­so­we­nig, dass in Pots­dam der Vor­sit­zende der an­ti­se­mi­ti­schen Par­tei Deut­sche Mitte ak­tiv ist oder dass vom Glo­cken­spiel der Gar­ni­son­kir­che täg­lich eine an­ti­se­mi­ti­scher Cho­ral in die Ge­gend schallt.
Statt­des­sen aber ein Work­shop zur Is­rael­kri­tik. Nun kann und soll die is­rae­li­sche ra­di­kale Linke ja den Staat Is­rael so ra­di­kal wie mög­lich kri­ti­sie­ren. Aber Euch, die Ihr Euch viele Ge­dan­ken um Sprechorte, Po­si­tio­nie­run­gen und darum wel­cher Work­shop für wel­che Men­schen of­fen ist macht, dürfte auf­al­len, dass das im deut­schen Kon­text evt. et­was an­ders aus­se­hen könnte.
Es mu­tet auch des­we­gen selt­sam an, da es so­weit er­sicht­lich, die ein­zige Ver­an­stal­tung ist, auf der ex­pli­zit nicht nur die Po­li­tik ei­nes an­de­ren Staa­tes, son­dern ge­rade die die Exis­tenz die­ses Staa­tes le­gi­ti­mie­rende Ideo­lo­gie kri­ti­siert wer­den soll. Das ver­wun­dert uns an­ge­sichts des Fak­tes, dass in un­se­rem un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­land Po­len ge­rade eine zu­tiefst re­ak­tio­näre Re­gie­rung die Exis­tenz des Staa­tes mit ei­ner neuen al­ten Ideo­lo­gie zu un­ter­mau­ern ver­sucht, zu de­ren grund­le­gen­den Be­stand­tei­len der An­ti­fe­mi­nis­mus ge­hört. Zu der Ent­wick­lung in Po­len (und Un­garn,….), zum Zu­sam­men­hang von na­tio­na­lis­ti­scher Mo­bi­li­sie­rung und An­ti­fe­mi­nis­mus, zu den fe­mi­nis­ti­schen Kämp­fen da­ge­gen (die De­mons­tra­tio­nen in Po­len ge­gen die Ver­schär­fung des Ab­trei­bungs­ver­bo­tes ge­hör­ten zu den größ­ten fe­mi­nis­ti­schen Pro­tes­ten in Eu­ropa in den letz­ten Jah­ren) keine Ver­an­stal­tung. Aber zur Kri­tik am Zio­nis­mus. Das sieht für uns nach dop­pel­ten Stan­dards aus und bringt eine Schwer­punkt­set­zung rü­ber, die wir für grund­le­gend falsch hal­ten.
Kri­tik­punkt 2): Far­ben, Kri­ti­ken, Kul­tu­ren
Ein zwei­tes theo­re­ti­sches Stand­bein Eu­rer Kon­fe­renz ist of­fen­sicht­lich ein An­satz der in den letz­ten Jah­ren un­ter dem Na­men „Cri­ti­cal Whi­ten­ess“ be­kannt­ge­wor­den ist. Da­bei han­delt es sich um ein Bün­del von Theo­rien und Me­tho­den, dass hoch­gra­dig um­strit­ten ist. Ihr wollt of­fen­sicht­lich nicht die Aus­ein­an­der­set­zung über die­ses Kon­zept füh­ren, son­dern ori­en­tiert Euch bei der Kon­fe­renz­pla­nung daran. Wir kön­nen hier nicht die De­batte um „Cri­ti­cal Whi­ten­ess“ in al­ler Länge und Breite füh­ren, das würde den Rah­men die­ses Brie­fes spren­gen. Wir möch­ten im Fol­gen­den nur an­hand Eu­rer Pro­gramman­kün­di­gung auf ei­nige pro­ble­ma­ti­sche Punkte am Kon­zept der „Cri­ti­cal Whi­ten­ess“ hin­wei­sen.
a) „Weiß“ vs. POC als zen­tra­ler Ant­ago­nis­mus
Das Kon­zept der „Cri­ti­cal Whi­ten­ess“ be­ruht auf der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Fort­wir­ken des auf Ko­lo­nia­lis­mus und Skla­ve­rei rück­führ­ba­ren Ras­sis­mus in den USA. Zen­tral da­für ist nach­voll­zieh­ba­rer Weise das Ver­hält­nis von Wei­ßen zu POC (People Of Co­lour). Die Über­nahme die­ses An­sat­zes in den deut­schen Sprach­raum ge­schieht je­doch in der Re­gel un­ter Au­ßer­acht­las­sen der spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen in die­sem Teil der Welt.
Der Work­shop „Anti-fa­schis­mus und Anti-ras­sis­mus“ Eu­rer Kon­fe­renz wird z.B. fol­gen­der­ma­ßen an­ge­kün­digt: „Die­ser Anti-rassismus/Anti-faschismus Work­shop ver­flech­tet die his­to­ri­schen Kon­texte von Ras­sis­mus mit Fa­schis­mus und legt of­fen, wie diese zwei Sys­teme der Un­ter­drü­ckung Hand in Hand ge­ar­bei­tet ha­ben, um sys­te­ma­ti­sche Un­ter­drü­ckung nicht-weißer Men­schen zu för­dern und zu er­hal­ten. Durch die­sen Work­shop, wel­cher spe­zi­ell für weiße und als weiß iden­ti­fi­zierte Leute de­si­gned wurde, wer­den wir die vie­len Wie­der­ho­lun­gen die­ser Mit­tel an­spre­chen und Wege, Ras­sis­mus so­zial, po­li­tisch und zwi­schen­mensch­lich zu be­kämp­fen, bie­ten und brain­stor­men.“
Die Di­cho­to­mie zwi­schen Weißen/FaschistInnen auf der ei­nen und POC/Opfern des Fa­schis­mus auf der an­de­ren Seite, die hier auf­ge­macht wird, ist je­doch his­to­risch nicht kor­rekt, ins­be­son­dere dann nicht, wenn wir über den deut­schen Fa­schis­mus, den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus re­den.
Zum ei­nen war die ganz über­wie­gende Mehr­zahl der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus „weiß“ (selbst wenn man, wie es ei­nige Ver­tre­ter_in­nen der „Cri­ti­cal Whi­ten­ess“ tun, Jüd_innen als POC be­trach­tet, bleibt die Mehr­heit der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus „weiß“). Mit dem Ge­ne­ral­plan Ost exis­tierte ein ras­sis­ti­sches Pro­gramm der Un­ter­drü­ckung, Ko­lo­ni­sie­rung und Aus­rot­tung „wei­ßer“ Men­schen, der Sla­wIn­nen Ost­eu­ro­pas. Der an­tisla­wi­sche Ras­sis­mus, der für die Ge­schichte des Ras­sis­mus in Deutsch­land durch­aus grund­le­gend ist, wird von den Ver­tre­ter_in­nen der „Cri­ti­cal Whi­ten­ess“ zu­meist ne­giert.
Zum an­de­ren ha­ben ver­schie­dene an­ti­ko­lo­niale Be­we­gun­gen von POC in Afrika und Asien das Bünd­nis mit den deut­schen Na­tio­nal­so­zia­lis­tIn­nen ge­sucht und manch­mal auch ge­fun­den. In Deutsch­land, das ge­gen die da­ma­li­gen Ko­lo­nial- und Welt­mächte Frank­reich und Eng­land Krieg führte sa­hen sie ei­nen Bünd­nis­part­ner im Kampf ge­gen eben diese Ko­lo­ni­al­mächte. Die Ver­su­che von Mit­glie­dern die­ser Be­we­gun­gen mit dem 3. Reich ein Bünd­nis zu schlie­ßen schei­ter­ten in ei­ni­gen Fäl­len, führ­ten in ei­ni­gen Fäl­len zu eher theo­re­ti­scher als prak­ti­scher Kol­la­bo­ra­tion, hat­ten aber auch die un­mit­tel­bare Be­tei­li­gung an na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen zur Folge.
b) „Kul­tu­relle An­eig­nung“
In letz­ter Zeit sorgt das Kon­zept der „Cul­tu­ral Appropriation“/“Kultureller An­eig­nung“ für Auf­re­gung in lin­ken und links­al­ter­na­ti­ven Krei­sen. Auch hier habt Euch ent­schie­den, der Pro­pa­gie­rung die­ses Kon­zep­tes Raum ein­zu­räu­men. (Work­shop „Kul­tu­relle An­eig­nung“).
„Kul­tu­relle An­eig­nung“ an sich be­schreibt ei­nen im ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­text zwangs­läu­fi­gen Pro­zess: wo al­les Ware und da­mit han­del- und aus­tausch­bar wird, wer­den es auch sa­krale und sa­kra­li­sierte Pra­xen, die ge­mein­hin als „Kul­tur“ ver­stan­den wer­den. Z.B. hatte ein christ­li­ches Kreuz als An­hän­ger um den Hals ge­tra­gen einst eine aus­schließ­lich re­li­giöse Be­deu­tung. Heut­zu­tage kann es sich da­bei ein­fach um Mo­de­schmuck han­deln. Im Zuge des „Glo­ba­li­sie­rung“ ge­nann­ten Pro­zes­ses ge­schieht dies nun auch mit „Kul­tu­ren“ au­ßer­halb Eu­ro­pas. De­ren sakrale/sakralisierte Zei­chen wer­den ge­nauso auf den in­ter­na­tio­na­len Markt der Pop­kul­tur ge­wor­fen, wie es auch dem christ­li­chen Kreuz geschah.(Und auch an­de­ren po­li­tisch-kul­tu­rel­len Sym­bo­len. Wenn aus dem ita­lie­ni­schen Par­ti­sa­nen­lied Bella Ciao, das an die To­ten im Kampf ge­gen die deut­schen In­va­so­ren er­in­nert ein Par­ty­kra­cher wird, ist das nix an­de­res.)
Es han­delt sich letzt­lich um ei­nen kul­tu­rel­len Aus­druck des­sen, was Marx und En­gels 1848 im Kom­mu­nis­ti­schen Ma­ni­fest so be­schrie­ben: „Die Bour­geoi­sie, wo sie zur Herr­schaft ge­kom­men, hat alle feu­da­len, pa­tri­ar­cha­li­schen, idyl­li­schen Ver­hält­nisse zer­stört. Sie hat die bunt­sche­cki­gen Feu­dal­bande, die den Men­schen an sei­nen na­tür­li­chen Vor­ge­setz­ten knüpf­ten, un­barm­her­zig zer­ris­sen und kein an­de­res Band zwi­schen Mensch und Mensch übrig­ge­las­sen als das nackte In­ter­esse, als die ge­fühl­lose ›bare Zah­lung‹. Sie hat die hei­li­gen Schauer der from­men Schwär­me­rei, der rit­ter­li­chen Be­geis­te­rung, der spieß­bür­ger­li­chen Weh­mut in dem eis­kal­ten Was­ser ego­is­ti­scher Be­rech­nung er­tränkt. Sie hat die per­sön­li­che Würde in den Tausch­wert auf­ge­löst und an die Stelle der zahl­lo­sen ver­brief­ten und wohl­er­wor­be­nen Frei­hei­ten die eine ge­wis­sen­lose Han­dels­frei­heit ge­setzt. Sie hat, mit ei­nem Wort, an die Stelle der mit re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Il­lu­sio­nen ver­hüll­ten Aus­beu­tung die of­fene, un­ver­schämte, di­rekte, dürre Aus­beu­tung ge­setzt. Die Bour­geoi­sie hat alle bis­her ehr­wür­di­gen und mit from­mer Scheu be­trach­te­ten Tä­tig­kei­ten ih­res Hei­li­gen­scheins ent­klei­det. Sie hat den Arzt, den Ju­ris­ten, den Pfaf­fen, den Poe­ten, den Mann der Wis­sen­schaft in ihre be­zahl­ten Lohn­ar­bei­ter verwandelt.Die Bour­geoi­sie hat dem Fa­mi­li­en­ver­hält­nis sei­nen rührend-sentimentalen Schleier ab­ge­ris­sen und es auf ein rei­nes Geld­ver­hält­nis zu­rück­ge­führt.
Die Ver­tre­ter_in­nen des Kon­zep­tes der „Kul­tu­rel­len An­eig­nung“ be­haup­ten statt­des­sen, dies wäre Aus­druck ei­ner fort­dau­ern­den ko­lo­nia­len Ausbeutung/Unterdrückung und glau­ben, diese Ent­wick­lung ließe sich vol­un­ta­ris­tisch ver­hin­dern. Mit­tels mo­ra­li­scher Ver­bote ver­su­chen sie die­sen Pro­zess auf­zu­hal­ten und In­si­gnien wie Dreads, Bin­dis, tra­di­tio­nelle Klei­dun­gen etc. ex­klu­siv für Men­schen aus de­ren ver­meint­li­chen Ur­sprungs­ge­sell­schaf­ten zu re­ser­vie­ren und de­ren sa­kra­len Cha­rak­ter da­durch zu ret­ten. Sie wol­len also so ge­spro­chen zu­rück zu den hei­li­gen Schau­ern der from­men Schwär­me­rei, der rit­ter­li­chen Be­geis­te­rung, der spieß­bür­ger­li­chen Weh­mut.
Nun könnte man sa­gen, ok, da wird halt ein ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men nicht rich­tig ver­stan­den und falsch kri­ti­siert, was ist jetzt das Pro­blem? Das Pro­blem aus un­se­rer Sicht liegt ganz ein­fach darin, dass die Ver­eh­rung „ur­spüng­li­cher Kul­tu­ren“ und der Kampf ge­gen ihre Ver­mi­schung wun­der­bar mit dem rech­ten Kon­zept des Eth­nop­lu­ra­lis­mus ver­ein­bar sind. Und au­ßer­dem ha­ben wir im­mer ge­dacht, es gehe beim Fe­mi­nis­mus ge­rade auch darum, tra­di­tio­nelle Kul­tu­ren und die ih­nen im­ma­nen­ten Herr­schafts­me­cha­nis­men auf­zu­spren­gen.
c) was wir ver­ges­sen ha­ben
Im Zu­sam­men­hang mit dem zu­vor ge­nann­ten Punkt steht un­ser letz­ter Kri­tik­punkt. Ihr ent­schul­digt Euch in Eu­rer Pro­gramman­kün­di­gung wort­reich da­für, dass Ihr den an­ti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus nicht zum Thema Eu­rer Kon­fe­renz ge­macht habt und schreibt „Das Aus­gren­zen von muslim*ischen Men­schen in lin­ken Räu­men und aus dem F_an­ti­fa­schis­ti­schen Dis­kurs ha­ben wir durch un­sere Ver­gess­lich­keit in un­se­rem Pro­gramm fort­ge­setzt. Die­ses Silencing/“Stumm ma­chen“ von mus­li­mi­schen F_antifaschisti*innen ist blöd von uns. Wir wer­den ver­su­chen, das bei zu­künf­ti­gen Pro­jek­ten bes­ser zu ma­chen.“
Da­mit legt Ihr Men­schen, die von Ras­sis­tIn­nen als (ver­meint­li­che) Mus­lime dis­kri­mi­niert und an­ge­grif­fen wer­den, auf eine mus­li­mi­sche Iden­ti­tät fest. Ihr igno­riert, dass ge­rade auch Linke mit ei­nem fa­mi­liä­ren mus­li­mi­schen Back­ground evt. von die­ser Ge­schichte lö­sen wol­len und eben keine Mus­lime mehr sein wol­len.
Zum an­de­ren gibt es aus un­se­rer Sicht ja durch­aus auch gute Gründe, warum man Men­schen, die eine be­stimmte Form von mus­li­mi­schen Glau­ben prak­ti­zie­ren nicht in lin­ken Räu­men ha­ben will. Ge­nauso wie man sich ja auch nicht darum be­müht, Leute, die be­stimmte For­men von Chris­ten­tum prak­ti­zie­ren in linke Räume zu be­kom­men – im Ge­gen­teil.
Die pro­gres­sive Ant­wort auf die ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung die (ver­meint­li­che) Mus­lime hier­zu­lande er­fah­ren, kann aus un­se­rer An­sicht nicht im Ab­stel­len von Re­li­gi­ons­kri­tik und dem tie­fen Re­spekt ge­gen­über re­li­giö­sen Pra­xen be­stehen, son­dern nur im ge­mein­sa­men Kampf für Ver­hält­nisse, in de­nen die Frei­heit der ein­zel­nen Per­son die Be­din­gung für die Frei­heit al­ler ist.
So­weit in al­ler Kürze un­sere Kri­tik. Wir wün­schen Euch ei­nen Kon­gress vol­ler span­nen­der De­bat­ten und freuen uns auf Eure Ant­wort.
Bri­gade Poldi Cool
or­ga­ni­siert im Bünd­nis Mad­stop

3 thoughts on “Of­fe­ner Brief an die Or­ga­ni­sa­tor_in­nen des F_AN­TIFA-Kon­gres­ses in Pots­dam

  1. tol­ler text! meine ge­dan­ken zu die­sem kon­gress wer­den sehr tref­fend zu­sam­men­ge­fasst. danke!

  2. Blöd nur, dass die Schrei­ber_in­nen des Brie­fes keine Ah­nung ha­ben vom In­halt der Work­shops aber zu­erst mehr wild rum­prol­len und sich in eli­tä­rer Bil­dungs­spra­che ver­lie­ren. Und so war s wirk­lich, jen­seits von sim­plif­zier­ten Ste­reo­ty­pen und an­de­ren zu kurz­ge­fass­ten Denks­mus­tern, ins­be­son­ders beim jü­di­schen Work­shops gibt es eine krasse Dif­fe­renz zwi­schen dem was oben kri­ti­siert wurde und was dan wirk­lich pas­siert ist. https://www.neues-deutschland.de/artikel/1051155.f-antifaschistische-harmonie.html

  3. naja, der of­fene brief ist ja vor dem kon­gress ver­schickt, da konn­ten sich die schrei­ben­den ja auch nur auf die pro­gramman­kün­di­gung und noch nicht auf das ge­sche­hen im work­shop stüt­zen. aber mich würde mal in­ter­es­sie­ren, wo du hier ein wil­des rum­ge­prolle und ein sich ver­lie­ren in eli­tä­rer bil­dungs­spra­che siehst. kannst du das bitte mal an text­bei­spie­len klar­ma­chen?

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