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Gar­ni­son­kir­che Pots­dam – ein Ort der Ver­söh­nung?

Quelle: Emanzipatorische Antifa Potsdam

Bald ist es so­weit – der Turm­bau zu Bab…äh Pots­dam soll be­gin­nen. Dies wol­len wir nicht un­kom­men­tiert ge­sche­hen las­sen.

Die Gar­ni­son­kir­che wurde vom Sol­da­ten­kö­nig „Fried­rich Wil­helm I.“ in Auf­trag ge­ge­ben und am 17.August 1732 ein­ge­weiht. Im Laufe der Jahre wur­den hier Sol­da­ten für den Krieg ge­ehrt und Tro­phäen, die wäh­rend der Kriege er­obert wur­den, aus­ge­stellt.
Es war ein Sym­bol preu­ßi­scher Herr­schaft. Wäh­rend die Men­schen da­mals un­ter er­bärm­lichs­ten Be­dinun­gen le­ben muss­ten, oft hun­ger­ten und für mi­li­tä­ri­sche Aben­teuer ih­rer des­po­ti­schen Herr­schen­den in die Ar­mee ge­prü­gelt wur­den, lie­ßen sich die Mon­ar­chen prunk­volle Pa­läste und eben auch Kir­chen in der Re­si­denz­stadt Pots­dam er­bauen.
Zur Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik wurde die Kir­che auf­grund ih­rer mi­li­ta­ris­ti­schen preußisch-deutschen Aus­rich­tung häu­fig von Na­tio­na­lis­ten und ih­ren Wehr­ver­bän­den für ihre Ak­ti­vi­tä­ten ge­nutzt, bis der Tag von Pots­dam die rechte Auf­la­dung der Kir­che auf die Spitze trieb. Hit­ler wählte die Gar­ni­son­kir­che aus, um hier am 21.3.1933 seine Macht­über­nahme zu in­sze­nie­ren. Auch die so­ge­nann­ten Wi­der­stands­kämp­fer und Hit­ler­at­ten­tä­ter vom 20. Juli 1944 tra­fen sich in der Gar­ni­son­kir­che. Diese heute als Bei­spiele des An­ti­fa­schis­mus ver­ehr­ten Chris­ten der Gar­ni­son­kir­che ha­ben den Über­fall auf die So­wjet­union ge­plant und durch­ge­führt. Sie be­tei­lig­ten sich am Mas­sen­mord, der Mit­hilfe der Wehr­macht in ganz Eu­ropa or­ga­ni­siert wurde oder dul­de­ten die­sen zu­min­dest. Erst als sich eine mi­li­tä­ri­sche Nie­der­lage ab­zeich­nete, woll­ten sie Hit­ler be­sei­ti­gen. Eher ein Bei­spiel für Mit­läu­fer­tum und mo­ra­li­scher Be­lie­big­keit, in­so­fern aber ganz pas­send für die Ge­schichte die­ser Kir­che, denn ge­nau das wurde in ihr ge­pre­digt.

So­mit wurde die Gar­ni­son­kir­che für alle pro­gres­si­ven Kräfte zum Sym­bol für Mi­li­ta­ris­mus, Preu­ßen­tum und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Wie kaum ein an­de­rer Ort in Pots­dam ver­deut­lichte es die Tra­di­tion al­les Re­ak­tio­nä­ren. Es ist ein Skan­dal, diese wie­der auf­zu­bauen, nach­dem sie vom Krieg zer­stört und die Ruine zu DDR-Zei­ten ge­sprengt wurde. In Deutsch­land – dem Land der Täter_innen – die­ses Sym­bol wie­der zu er­rich­ten, wel­ches mit sei­nem 88 Me­ter ho­hem Turm das neue „Wahr­zei­chen von Pots­dam“ wer­den und als „Ver­söh­nungs­zen­trum“ fun­gie­ren soll, ist eine ein­deu­ti­ges Zei­chen städ­te­bau­li­cher Re­vi­sion. Die Ge­schichte – vor al­lem die der Na­zi­zeit – hat in Pots­dam Bau­lü­cken hin­ter­las­sen. Ein deut­li­ches Er­geb­nis der deut­schen Tä­ter­schaft!

Nun soll also ver­söhnt wer­den. Mit was ei­gent­lich? Mit der Nazi-Ver­gan­gen­heit? Mit dem al­ten Preu­ßen? Mit der Ver­qui­ckung von Staat und Kir­che? Nein, danke! Wie ge­schichts­ver­ges­sen und naiv müs­sen die Men­schen sein, die solch ein Ge­bäude, dass ja nicht mehr steht, als Sym­bol von Ver­söh­nung wie­der auf­zu­bauen. Da könnte ja auch ein Schlacht­haus als Sym­bol für Tier­rechte ste­hen oder eine kö­nig­li­ches Schloss als Sym­bol der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie, zu­min­dest letz­tes hat Pots­dam ja be­reits.

Auch ein wei­te­res Nar­ra­tiv die­ser Ver­söh­nung, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und DDR in ei­nen Topf zu wer­fen, leh­nen wir strikt ab. Wir fin­den auch die Ge­schichte der DDR sehr be­denk­lich und er­in­ne­rungs­wür­dig. Diese aber quasi gleich zu set­zen mit der sys­te­ma­ti­schen Er­mor­dung von mehr als 6 Mil­lio­nen Jüd_innen und an­de­ren er­klär­ten Fein­d_in­nen der Bar­ba­rei re­la­ti­viert die Schande der Na­zis. Von der Stif­tung Gar­ni­son­kir­che wird die Spren­gung der Kir­che durch die DDR viel stär­ker the­ma­ti­siert als die Macht­über­nahme Hit­lers, was völ­lig un­ver­hält­nis­mä­ßig ist und von ei­nem ka­ta­stro­pha­len Ge­schichts­ver­ständ­nis zeugt. Die Kir­che wie­der auf­zu­bauen und sie „Frie­dens- und Ver­söh­nungs­zen­trum“ zu nen­nen, ist rei­ner Hohn.
Ge­rade in Zei­ten, in de­nen sich große Teile der Be­völ­ke­rung of­fen für rechte bis rechts­ex­treme Hetze zei­gen, darf ein Ort wie die­ser un­ter kei­nen Um­stän­den wie­der er­rich­tet wer­den. Es ist eine Schande für Pots­dam!

Das Ar­gu­ment, es sei ja „schön, al­tes wie­der neu auf­zu­bauen“, ist an­ge­sichts der his­to­ri­schen Er­eig­nisse mehr als lä­cher­lich und un­ver­ant­wor­tungs­voll. Be­son­ders, wenn we­nige Rei­che be­haup­ten, Pots­dam lebe da­von, dass es schön sei, zeigt, wie we­nig sie die (so­ziale) Rea­li­tät die­ser Stadt ken­nen. Die Um­ge­stal­tung Pots­dams zu ei­nem preu­ßi­schen Dis­ney­land, in dem be­zahl­ba­rer Wohn­raum wenn über­haupt am Stadt­rand noch mög­lich ist, hat nichts mit so­zia­ler Stadt­po­li­tik zu tun. Der Ab­riss der Fach­hoch­schule, die auch ein his­to­ri­sches Ge­bäude ist und ei­nen öffent­li­chen Raum für Kunst, Kul­tur, Sport und Po­li­tik in der In­nen­stadt dar­stel­len könnte, ist ein wei­te­res Bei­spiel der ver­klär­ten Stadt­po­li­tik, die völ­lig an den Be­dürf­nis­sen der meis­ten Be­woh­ner_in­nen vor­bei geht.

Der Bund bei­tei­ligt sich mitt­ler­weile am Wie­der­auf­bau, Bun­des­prä­si­dent Stein­meier ist Schirm­herr des Pro­jekts. Es ist also an­schei­nend von na­tio­na­ler Be­deu­tung, die­ses Schand­mal der deut­schen Ge­schichte wie­der neu auf­zu­bauen.
Es gibt noch nicht mal Er­in­ne­rungs­stät­ten für alle deut­schen Ver­nich­tungs­la­ger in Ost­eu­ropa. Dem wird of­fen­sicht­lich nicht die glei­che na­tio­nale Be­deu­tung bei­ge­mes­sen. Wäh­rend sich diese Gar­ni­son­kir­che näm­lich dank ih­rer prot­zen­den Schön­heit wun­der­bar ins kit­schige Stadt­bild ein­fügt, sind die Orte der Ver­bre­chen wirk­li­che Sta­chel der Er­in­ne­rung. Wer Preu­ßens Glanz und Glo­ria wie­der auf­baut, will aber nicht er­in­nern, son­dern um­deu­ten.
Will­kom­men in der deut­schen Rea­li­tät!

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