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Das Dop­pel­spiel des Spree­lich­ter-Netz­werks in Süd­bran­den­burg

Quelle: Antifas aus Südbrandenburg

Im Ver­gleich zu an­de­ren ost­deut­schen Städ­ten ist es der rech­ten Szene in Cott­bus in den letz­ten zwei Jah­ren nicht ge­lun­gen, ei­nen Pe­gida-Ab­le­ger zu eta­blie­ren. Umso mehr sind jetzt viele von dem mar­tia­li­schen rech­ten Auf­marsch am Frei­tag den 13. Ja­nuar 2017 über­rascht und for­dern Auf­klä­rung. Dazu soll im Fol­gen­den bei­ge­tra­gen wer­den.

Aufmarsch am 13. Januar in CottbusWas ist pas­siert?

Am Frei­tag ver­sam­meln sich kurz vor 22 Uhr etwa 120 Per­so­nen vor dem Land­ge­richt Cott­bus. Sie sind ein­heit­lich schwarz ge­klei­det, tra­gen Sturm­mas­ken und füh­ren ein Ban­ner mit der Auf­schrift „Cott­bus ver­tei­di­gen!“ mit sich. Die Ver­mumm­ten zie­hen von der Ge­richts­straße über die San­do­wer Straße und den Alt­markt in die Ein­kaufs­meile Sprem­ber­ger Straße. Der Marsch führt di­rekt an der Syn­agoge am Schloß­kirch­platz vor­bei. An der Spitze des Zugs sind wäh­rend des Auf­mar­sches rote Ben­gal­fa­ckeln ent­zün­det.

Ge­ru­fen wer­den die Pa­ro­len „Hier mar­schiert die deut­sche Ju­gend“, „Wi­der­stand“ und „Na­fris raus“, Flyer mit der Über­schrift „Cott­bus Na­frifrei“ auf den Bo­den ge­wor­fen. Es gibt eine Ord­ner­struk­tur und meh­rere Per­so­nen, die fil­men. Am Sprem­ber­ger Turm teilt sich der Zug auf und die Neo­na­zis ver­schwin­den in Au­tos. Die Po­li­zei wird von An­woh­ne­rIn­nen alar­miert und kann im Um­feld nur drei Per­so­nen im Al­ter von 39 bis 41 Jah­ren fest­stel­len, die sie der rechts­ex­tre­men Szene zu­ord­net.

Wer steckt hin­ter dem Auf­marsch?

Durch die Ver­mum­mung, die feh­lende An­mel­dung und den Ver­zicht auf Fah­nen ist nicht of­fen­sicht­lich, wer hin­ter dem Auf­marsch steckt. Das in­ter­na­tio­nale Rechts­au­ßen­por­tal „Breit­bart News“ schreibt schlicht von „mas­ked Ger­m­ans“, aber et­was ge­nauer darf es schon sein. Bran­den­burgs In­nen­mi­nis­ter Schrö­ter (SPD), die Po­li­zei und di­verse Lo­kal­me­dien ha­ben sich hier be­reits ver­sucht. Die In­ter­pre­ta­tio­nen ge­hen – rich­ti­ger­weise – in Rich­tung Iden­ti­täre, Spree­lich­ter und die rechte Fuß­ball­fan­szene von En­er­gie Cott­bus. In der Lau­sit­zer Rund­schau le­gen sich „Sze­ne­ken­ner“ al­ler­dings an­der­wei­tig fest:

„Mit­glie­der der vor Jah­ren ver­bo­te­nen Neo­na­zi­gruppe ‚Spree­lich­ter‘ als Ur­he­ber der jüngs­ten Ak­tion in Cott­bus hal­ten Sze­ne­ken­ner für un­wahr­schein­lich, ebenso eine Ver­bin­dung zur neu­rech­ten ‚Iden­ti­tä­ren Be­we­gung‘, die oft mit dem Be­griff ‚ver­tei­di­gen‘ ope­riert. Diese zah­len­mä­ßig sehr kleine, eher in­tel­lek­tu­elle Gruppe hatte bis­her ihre Ak­tio­nen im­mer mit ei­nem kla­ren öffent­li­chen Be­kennt­nis ver­bun­den. Ende Au­gust 2016 hiss­ten sie Ban­ner am Bran­den­bur­ger Tor. Ver­mummte, an­onyme Ver­samm­lun­gen pas­sen, so die Ein­schät­zung aus Si­cher­heits­krei­sen, nicht zum Selbst­ver­ständ­nis der Gruppe.“

Der Marsch in der SpremEin Ein­druck er­gibt sich bei der Be­trach­tung der Ver­öf­fent­li­chun­gen zu dem Auf­marsch. Die ers­ten Bil­der wer­den von dem Nut­zer „cb_­n­a­frifrei“ um 23:30 bei reddit.de on­line ge­stellt. Um 23:49 wird auf der Face­book­seite von „Ost­thü­rin­gen un­zen­siert“ ex­klu­siv ein Vi­deo ver­öf­fent­licht, das auf Höhe der ADAC-Geschäftsstelle in der Sprem­ber­ger Straße auf­ge­nom­men wurde. Um 00:24 ver­öf­fent­licht der User „down_­my_­couch“ ein Vi­deo auf Twit­ter, mit ei­nem Blick­win­kel aus Rich­tung der Syn­agoge am Schloß­kirch­platz. Der Kom­men­tar „Weiß wer, wie viele das wa­ren?“ soll den Ein­druck er­we­cken, dass der User ein Un­be­tei­lig­ter ist. Die­ses Ma­te­rial wird am nächs­ten Mor­gen über rechte Twit­ter- und Face­book-Ac­counts wei­ter­ver­brei­tet, etwa „Asyl­hütte in Pots­dam – Kannste kni­cken!“, „Hei­denau zeigt wie’s geht“ und „Asyl­hütte in Ket­zin – Kannste kni­cken!“.

Chronologie der Berichte über den Marsch

Chro­no­lo­gie der Be­richte über den Marsch

Die zeit­li­che Nähe und die ex­klu­sive Ver­öf­fent­li­chung der Bil­der und Vi­deos von Grup­pen aus an­de­ren Städ­ten und Re­gio­nen le­gen den Schluss nahe, dass da­hin­ter eine über­re­gio­nal ver­netzte Struk­tur steckt. Im ex­trem rech­ten Spek­trum von Cott­bus kom­men da­für die NPD und das ver­bo­tene Spree­lich­ter-Netz­werk in Frage. Weil die NPD Cott­bus sich erst re­la­tiv spät auf ih­rer Face­book­seite äußerte, und sich au­ßer­dem von der Ak­tion we­nig be­geis­tert zeigte, kann sie wohl aus­ge­schlos­sen wer­den.

Bericht von Black Legion

Be­richt von Black Le­gion

In­ter­es­sant ist, dass auf der Face­book­seite des neo­na­zis­ti­schen Mo­de­la­bels „Black Le­gion“ am Sams­tag eben­falls Bil­der vom Auf­marsch an der Ober­kir­che und am Sprem­ber­ger Turm ver­öf­fent­licht wur­den, die bis da­hin nicht im Um­lauf wa­ren. Die Mo­de­marke wird von ei­nem Neo­nazi ver­trie­ben, der sich bei Face­book „Tom Rausch“ nennt. In Cott­bus läuft der Ver­kauf über den neo­na­zis­ti­schen „De­vils Right Hand Store“ von Mar­tin Sei­del. Auf sei­ner Face­book­seite be­kennt sich Rausch zum Spree­lich­ter-Netz­werk und zeigt seine Ab­leh­nung ge­gen­über dem „Staats­kon­strukt“ NPD. Der Post zum Auf­marsch auf der Face­book­seite von „Black Le­gion“ wird ge­löscht, kurz nach­dem er bei „Laut ge­gen Na­zis“ the­ma­ti­siert wird. Auf der pri­va­ten Face­book­seite von Rausch ist er wei­ter­hin sicht­bar.

Tom Rausch posiert mit Defend Cottbus

Tom Rausch po­siert mit De­fend Cott­bus

„De­fend Cott­bus“ – Das Motto für den Aus­nah­me­zu­stand

Der Spruch auf dem Front­trans­pa­rent „Ver­tei­digt Cott­bus!“ ist die deut­sche Über­set­zung von „De­fend Cott­bus“. Auf­kle­ber mit die­sem Slo­gan wer­den mas­siv seit Juli 2016 in Cott­bus und Um­ge­bung ver­klebt. Auch im Zu­sam­men­hang mit dem Über­fall auf den Club Che­kov am 23. Sep­tem­ber 2016 tauch­ten die Auf­kle­ber auf. Ent­wor­fen und ver­brei­tet wer­den diese maß­geb­lich über eine Struk­tur, die sich auf Ins­ta­gram mit dem Pro­fil „Un­ser_Ur­sprung“ prä­sen­tiert. Die dort oft erst­mals ver­öf­fent­lich­ten Gra­fi­ken wer­den so­wohl von An­hän­ge­rIn­nen der Iden­ti­tä­ren als auch von zahl­rei­chen Neo­na­zis für ihre So­cial-Me­dia-Pro­file ver­wen­det. Auch „Tom Rausch“ po­siert auf sei­ner Face­book­seite mit ei­nem „De­fend Cott­bus“ Auf­kle­ber.

 Marcel Forstmeier vor dem Kanzleramt

Mar­cel Forst­meier vor dem Kanz­ler­amt

Fotos auf Unser_Ursprung

Fo­tos auf Un­ser_Ur­sprung

Posting von Unser_Ursprung

Pos­ting von Un­ser_Ur­sprung

Die Art der Ver­net­zung, der gra­fi­sche Stil und die ver­wen­dete Spra­che des Pro­fils „Un­ser_Ur­sprung“ las­sen auf den Gra­fik­de­si­gner Mar­cel Forst­meier schlie­ßen. Der Lüb­be­n­auer war bis zum Ver­bot 2012 ein Or­ga­ni­sa­tor und Kopf des Spree­lich­ter-Netz­werks. Forst­meier hat am 21. De­zem­ber 2016 vor dem Kanz­ler­amt in Ber­lin die neu­rechte Kund­ge­bung von „Ein Pro­zent“ (un­ter den Teil­neh­mern Alex­an­der Gau­land, Björn Hö­cke und Götz Ku­bit­schek) ab­fo­to­gra­fiert. Ein Bild aus sei­ner Po­si­tion wurde spä­ter auch auf der Ins­ta­gram-Seite von „Un­ser_Ur­sprung“ ver­öf­fent­licht. Auf ei­nem Bild sind beim ge­nauen Blick seine Hände wie­der­zu­er­ken­nen.

Der Cott­bus­ser Mas­ken-Auf­marsch ist Teil ei­ner Kam­pa­gne, um Cott­bu­ser Neo­na­zis in eine Art Kampf­mo­dus zu ver­set­zen – die Marke „De­fend Cott­bus“ be­zie­hungs­weise „Ver­tei­dige Cott­bus“ soll als Kür­zel die­ser Kam­pa­gne eta­bliert wer­den. Ein Re­sul­tat: in den letz­ten Mo­na­ten wur­den im­mer wie­der Per­so­nen, die nicht ins rechte Welt­bild pas­sen, an­ge­grif­fen. Gleich­zei­tig wer­den Straf­ta­ten durch ver­meint­li­che Aus­län­der oder Flücht­linge be­son­ders stark aus­ge­schlach­tet, um der ras­sis­ti­schen Pa­ra­noia Nah­rung zu ge­ben. Pa­ra­do­xer­weise freut sich der Twit­ter-User „down_­my_­couch“ über die er­höhte Po­li­zei­prä­senz, ob­wohl sich diese vor al­lem ge­gen ihn und seine Ka­me­ra­den rich­tet.

Bür­ger­lich­keit und Stra­ßen­ter­ror

Die Neo­na­zis fah­ren nicht nur eine Stra­te­gie des Stra­ßen­ter­rors zur Ein­schüch­te­rung po­li­ti­scher Geg­ne­rIn­nen in Cott­bus, son­dern zu­dem eine Art Ku­schel­kurs mit „Zu­kunft Hei­mat e.V.“ im Spree­wald. Die­ser Ver­ein hat seit Ende 2015 ge­gen die Un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen mo­bil ge­macht. Mit 500 Teil­neh­mern am 31. Ok­to­ber 2015 in Lüb­benau rich­tete der Ver­ein eine der größ­ten rech­ten De­mons­tra­tio­nen  in Bran­den­burg der letz­ten Jahre aus.

Anne Haberstroh bei der Identitären-Blockade-Aktion in Berlin

Anne Ha­ber­stroh bei der Identitären-Blockade-Aktion in Ber­lin

Mar­cel Forst­meier und das Spree­lich­ter-Netz­werk ver­suchte sich bei die­sen asyl­feind­li­chen De­mons­tra­tio­nen zwar im Hin­ter­grund zu hal­ten. Eine Nähe gibt es den­noch. Seit­dem die­ser Zu­sam­men­hang öffent­lich ge­macht wurde, führt der Ver­ein Ak­ti­ons­for­men wie Fahr­rad­kor­sos für Rad­wege und ähn­li­che The­men durch. Auf diese Weise wol­len die Ver­eins­vor­sit­zen­den Chris­toph Berndt, Anne Ha­ber­stroh und der AfD-Bürgermeisterkandidat Ma­rian von Stür­mer ver­mut­lich das Brand­zei­chen ei­ner für das neo­na­zis­ti­sche Spek­trum of­fe­nen Or­ga­ni­sa­tion los­wer­den. Dass die Ver­bin­dung zu Mar­cel Forst­meier und dem Spree­lich­ter-Netz­werk an­hält, zeigt das ge­mein­same Auf­tre­ten von Neo­nazi Forst­meier und Zu­kunft-Hei­mat-Vor­sit­zen­der Ha­ber­stroh im Um­feld der Blo­ckade der CDU-Zen­trale in Ber­lin durch Mit­glie­der der Iden­ti­tä­ren am 21. De­zem­ber 2016.

Robert Timm auf Twitter zum Marsch in Cottbus

Ro­bert Timm auf Twit­ter zum Marsch in Cott­bus

Wäh­rend Mar­cel Forst­meier den Po­li­zei­ein­satz ab­filmte, stand Anne Ha­ber­stroh am Rand und be­ob­ach­tete die Sze­ne­rie. Be­reits im Sep­tem­ber 2016 be­such­ten die bei­den eine Ver­an­stal­tung des rech­ten Com­pact-Ma­ga­zins in Ber­lin. Auf dem Po­dium saß ne­ben Jür­gen El­säs­ser, Götz Ku­bit­schek und Mar­tin Sell­ner auch der Identitären-Aktivist Ro­bert Timm. Die­ser stu­diert und wohnt in Cott­bus und hat sich über sei­nen Twit­ter­ac­count „Schin­kel_IB“ po­si­tiv zum Cott­bus­ser Mas­ken-Auf­marsch ge­äu­ßert. Dass er und an­dere iden­ti­täre Struk­tu­ren an der Or­ga­ni­sa­tion und Durch­füh­rung di­rekt be­tei­ligt wa­ren, lässt sich bis­her nicht fest­stel­len.

Fa­zit

Die Frage, ob der Na­zi­auf­marsch am 13. Ja­nuar 2017 auf das Konto rech­ter Fuß­ball­fans, der Spree­lich­ter oder der Iden­ti­tä­ren geht, führt in die Irre. Zwi­schen die­sen Struk­tu­ren der rech­ten Szene gibt es zu große ideo­lo­gi­sche und per­so­nelle Über­schnei­dun­gen. Sie ar­bei­ten zu­sam­men, weil das ak­tu­elle po­li­ti­sche Klima ih­nen Er­folge ver­spricht. Vor al­lem die „Spree­lich­ter“ und die An­füh­rer der Gruppe „In­ferno Cott­bus“ sind schon seit Be­ginn ih­res Be­stehens sehr stark ver­bun­den. Trotz Sta­di­on­ver­bo­tes be­stimmt „In­ferno“ im­mer noch maß­geb­lich die Stim­mung in der Fan­szene des FC En­er­gie. Der Rück­griff von Forst­meier und dem Spree­lich­ter-Netz­werk auf Sym­bole und The­men der Iden­ti­tä­ren bie­tet ih­nen die Mög­lich­keit, in an­de­rem Ge­wand die bis zu ih­rem Ver­bot ver­folgte Stra­te­gie ei­nes pop­kul­tu­rell ver­mark­te­ten Fa­schis­mus fort­zu­set­zen. Um ein mög­lichst brei­tes Spek­trum zu er­rei­chen und eine mög­lichst große Wir­kung zu er­zie­len, chan­gie­ren sie da­bei zwi­schen sehr un­ter­schied­li­chen Ak­ti­ons­for­men.

One thought on “Das Dop­pel­spiel des Spree­lich­ter-Netz­werks in Süd­bran­den­burg

  1. klei­ner Hin­weis:
    die Ver­bin­dung zwi­schen “Ost­thü­rin­gen un­zen­siert” und den hier Auf­mar­schie­ren­den ist über Per­so­nen or­ga­ni­siert im “III. Weg” zu su­chen…

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