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Im Krieg für die "weiße Rasse"

Neue Ausgabe des Magazins "Katjuscha" der Brandenburger VVN-BdA zum Download / Interview mit dem Politikwissenschaftler Dr. Christoph Kopke
 

Quelle: VVN-BdA Brandenburg

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26.02.2012

Kategorien:
überregionales
Antifa

Unlängst ist eine neue Ausgabe, die sechste, von "Katjuscha" erschienen - dem Rundbrief der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Brandenburg". Anbei ist ein Beitrag aus dem Magazin dokumentiert. Die komplette Ausgabe kann hier online gelesen werden und steht hier als PDF-Datei (1,9 MB) zum Download zur Verfügung.

Interview mit dem Politikwissenschaftler Dr. Christoph Kopke vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ)

Du erforscht seit einigen Jahren die extreme Rechte Deutschlands. Was genau ist Dein Arbeitsgebiet?

Ich untersuche die extreme Rechte als politische Bewegung. Und ich arbeite mit einer historischen Perspektive. Das bedeutet, es geht mir um die Betrachtung der extrem rechten Szene bzw. ihres Bewegungskerns in ihrer historischen Kontinuität, ihrer geschichtlichen Entwicklung. Meines Erachtens markiert das den Unterschied zu vielen anderen RechtsextremismusforscherInnen, die meistens das aktuelle Phänomen in den Blick nehmen.

Die neofaschistische Mordserie erregt vergleichsweise viel Erstaunen. Und es gibt Tatsachen – wie die Existenz von illegalen legalen Ausweisen – die als Indiz für die Verbindung staatlicher Institutionen wie Geheimdienste und Verfassungsschutz zu den Mördern gewertet werden. Wie ist Deine Einschätzung?

Das sind eigentlich zwei Fragen. Zunächst einmal die nach der Verwunderung über diese Morde: Wir am MMZ haben eigentlich lange schon gesagt, dass in dieser Szene mit ihrer Affinität zu Waffen und Gewalt und geschlossenen Feindbildern Menschen herumlaufen, die man als ‚tickende Zeitbomben‘ bezeichnen könnte. Es war eigentlich lange schon davon auszugehen, dass so etwas – oder etwas Ähnliches – eines Tages passieren würde. Die Zwickauer handelten offenbar als konspirative Kleingruppe nach dem Konzept des „führungslosen Widerstands“, das im US-Rechtsterrorismus entwickelt worden ist. Gleichwohl war es natürlich überraschend, als es dann tatsächlich in dieser Form passiert ist. Was das Engagement staatlicher Stellen in dieser Richtung angeht – es ist schwierig, zu mutmaßen, und letztlich sind das bisher alles noch Mutmaßungen. Es ist klar, dass diese Szene durchsetzt ist mit V-Leuten der verschiedenen Dienste. Aber ich persönlich würde nach dem jetzigen Stand nicht davon ausgehen, dass die aktuelle sogenannte ‚Terrorzelle‘‚ – oder dieses Zwickauer Mördertrio – direkt mit den Geheimdiensten in Verbindung stand. Das scheint mir als These doch zu gewagt zu sein.

Welche Entwicklung prognostizierst Du für die Aufklärung dieser Morde, der journalistischen Darstellung und Publizierung dieser Morde? Wie schätzt Du den gesellschaftlichen Umgang mit diesen Verbrechen bisher ein und was wird die nächste Entwicklung sein?

Also ich denke, die Taten und der ganze Vorgang sind zunächst angemessen breit rezipiert worden – das war keine Eintagsfliege, sondern mehrere Wochen das beherrschende Thema in der Berichterstattung. Das wird nachlassen, klar. Im Moment mischen sich Mutmaßungen mit Fakten, mit Meinungen. Wir werden dann irgendwann sehen, was davon Bestand hat und was nicht. Jetzt muss man generell erst einmal abwarten, was die Ergebnisse der von der Bundesregierung angekündigten Aufklärungen in Bezug auf die Frage, was denn der Verfassungsschutz über diese Leute zu welchem Zeitpunkt jeweils wusste, bringen wird. Das betrifft auch die Aufklärungsmaßnahmen der einzelnen Landesbehörden. Es sollen ja die ‚Ermittlungspannen‘ aufgeklärt werden. Das wurde versprochen. Ob die Ergebnisse zufriedenstellend sein werden, wird sich zeigen. Das andere ist natürlich, was die Strafermittlungsbehörden tun: Die Prozessführung und der Umgang mit Frau Zschäpe wird ein anderes Licht auf die Sache werfen. Ein Fazit, ob insgesamt glaubwürdig aufgeklärt wurde oder ob nur neue Fragezeichen produziert wurden, kann also jetzt noch nicht gezogen werden. Unter Umständen sind solche Sachen auch sehr langlebig. Manche Gerüchte werden sich lange halten – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Schon jetzt gibt es ja bereits alle möglichen Verschwörungstheorien.

Hältst Du diese Mordserie für eine neue Art faschistischer Verbrechen? Markiert diese Serie einen ‚turning point‘? Ist es etwas Besonderes, eine neue Qualität?

Was die Begehung der Morde und den langen Zeitraum, in dem sie begangenwurden angeht, ist es herausragend. Es ist etwas ganz anderes als die rassistischen Morde, die seit den 1980er und vor allem der 1990er Jahren vermehrt begangen wurden. Diese waren überwiegend spontan, stärker situationsbedingt. Hier beim aktuellen Fall befanden sich offenbar Leute in einem Krieg für die ‚weiße Rasse‘ – was immer sie dafür halten. Sie haben sehr gezielt und mit einem hohen Maß an krimineller Energiegehandelt. Der Aufwand war auch sehr hoch. Das ist bisher beispiellos in der Umsetzung – allerdings nicht in der Begründung bzw. in der Motivlage. Diese Form von Rassismus ist auch international nicht unbekannt als Tatmotiv.

Welche Wirkung wird das auf die rechte Szene haben?

Auch das wird sich noch zeigen. Mankann natürlich mutmaßen, dass Uwe B. und Uwe M. Heldenstatus bekommen werden – wenigstens in einem Teil der rechten Szene. Es gab ja schon jetzt bereits ein Lied, in dem die Mordopfer und die ermittelnde SoKo verhöhnt und die Taten verklärt werden. Ein rechtsradikales Versandhaus hatte aktuell ein T-Shirt mit einem abgebildeten Dönerspieß unddem zynischen Aufdruck „Killerdöner nach Thüringer Art“ im Angebot. Es  gibt auch ein Lied, in dem die drei ‚Untergetauchten‘besungen werden. Wobei nicht klar ist, ob jene, die das da singen, auch wussten, was die im Untergrund gemacht haben. Ich gehe davon aus, dass die drei Zwickauer in der einen oder anderen Form weiter verehrt werden. Auf der anderen Seite könnte die Diskussion um die Morde an willkürlich ausgesuchten unschuldigen Menschen und auch der nun mutmaßlich verstärkt einsetzende polizeiliche Ermittlungsdruck einzelne Mitglieder der rechten Szene verunsichern oder gar Denkprozesse beeinflussen, was in Einzelfällen vielleicht zum Ausstieg aus der Szene und zum Abkehr vom Rechtsextremismus führen könnte. Aber man kann in dieser Richtung keinerlei seriöse Prognose aufstellen.

Das Interview führte Vera Dost. Dr. Christoph Kopke war zuletzt u.a. als Mitherausgeber beteiligt an: Die Grenzen der Toleranz. Rechtsextremes Milieu und demokratische Gesellschaft in Brandenburg. Bilanz und Perspektiven, Potsdam: Universitätsverlag 2011.

Angehängte Dateien:
  • KatjuschaNr6Feb2012.pdf 1.84 MB
 
 
 

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