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Kapitalismus ist keine Frage des Preises

 

Quelle: Potsdamned # 6

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01.08.2009

Kategorien:
Antifa
Potsdam
Kulturelles
Soziale Kämpfe

Die Demonstration am 6. Juni unter dem Motto „Lebensräume statt Preußenträume“ war ziemlich groß und sehr heterogen. Viele unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen trafen sich in dem gemeinsamen Anliegen, sich mehr Lebenszeit mit weniger sozialer Kontrolle durch Staat und Gesellschaft zu ermöglichen. Als Hauptgegner für dieses Bestreben wurde in allen Redebeiträgen die Stadt und ihre Verwaltung ausgemacht. Vom Spartacus bis zum Archiv konnte man von schikanösen Auflagen für Projekte und gebrochenen Versprechungen der SPD hören. So richtig wie all dies ist, so wenig hoffnungsvoll erschien die Veranstaltung. Das lag nicht nur am schlechten Wetter.

Die Lage für nichtkommerzielle Subkultur – selbstverwalteten Bereichen, in denen sich Menschen jeglichen Alters in Bezug auf Outfit, Ess-, Feier- und andere Lebensgewohnheiten – unbehelligt ausprobieren können, ist tatsächlich so miserabel wie noch nie. Deshalb musste die erneut hohe Demonstrant_innenzahl nicht überraschen. Und doch hinterließ die Demo bei einigen Leuten einen schalen Nachgeschmack. Sowohl in den Redebeiträgen als auch in der Demozeitung war eine Raummetaphorik vorherrschend, die ein schräges Kapitalismusverständnis offenbarte. Häufig war von bezahlbaren Angeboten, bezahlbaren Freiräumen, bezahlbaren Mieten die Rede. Und natürlich müssen alle Dinge bezahlbar sein. Aber ist das wirklich alles? Erschöpft sich die Utopie tatsächlich darin, der Stadt irgendwas „Bezahlbares“ abzuringen?

Das Heischen nach der Bezahlbarkeit – so legitim es ist! – ging einher mit der ewigen Metapher vom Freiraum. Im Redebeitrag der Datscha hieß es sinngemäß, dass „die böse Außenwelt an den Gartenzäunen“ des kleinen Paradieses am Fluss beginnt. Damit wird suggeriert, dass innerhalb des Gartenzaunes der Freiraum sei, in dem alles in Ordnung ist – oder wesentlich besser, als im bösen Draußen. Man muss nicht die Losung „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ bemühen, man muss nur etwas von Dialektik halten, um zu wissen, dass dies Schönfärberei ist. Dabei geht es nicht darum, jene, die sich in diesen Freiräumen engagieren, zu unterstellen, dass sie alles falsch machen. Es geht darum, dass in der Debatte um Freiräume die Verquickung derselben mit dem Rest der Gesellschaft nicht auftauchte. Im Moment sieht es so aus, dass wir viele Freiräume in Potsdam nicht mehr umsonst haben können. Aus den besetzten Häusern wurden Pachtobjekte, die Bewohner_innen sind Mieter_innen bei selbstgegründeten Vereinen. Genau wie in der bösen Außenwelt. Und deshalb besteht die Notwendigkeit, die Partyräume, die Wohnungen zu bezahlbaren Preisen zu bekommen. Aber der Kapitalismus fängt nicht da an, wo eine Wohnung mehr kostet als bisher. Er ist immer und überall. Nicht erst, wenn das Sterni 10 Cent mehr kostet.

Durch die Ausblendung dieses Verhältnisses gerieten die Zeitung und die Demo zu einem großen Bittgesang an die Stadt, die alternative (linke) Szene doch bitteschön (in der Innenstadt) mitspielen zu lassen, anstatt sie „gnädig am Rand zu tolerieren“. Es war das große Angebote-an-die-Stadt-unterbreiten, das da stattfand. Was ist aus der radikalen Losung „Alles für alle und zwar umsonst“ geworden? „Das schöne Leben jetzt!“ Ist das schöne Leben nicht mehr das, wo man sich um Geld und Miete keinen Deut mehr scheren muss, weil man diesen ganzen Mist längst abgeschafft hat? Kunde von dieser Idee trug lediglich so manches Lied auf der Demo, leider kein Redebeitrag.

Die verwandte Raummetaphorik ist leider keine wirklich befreiende. Sie ist der klassischen sozialistischen Freiheitsidee – die sich aus der bürgerlichen Freiheit herleitete – eine negativ bestimmte. Immerzu heißt es „Freiheit von …“ – entweder hohen Preisen oder irgendeiner Form von Kontrolle oder Ausgrenzung. Wo bleibt die positive Wendung, die Freiheit zur wirklichen persönlichen Entfaltung? In der positiven Wendung des Freiheitsstrebens versteckt sich das revolutionäre Begehren.

Ed Bügel

 
 
 

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