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· Interview mit den Organisator*innen des F_Antifa Kongresses Potsdam

Herz­stück F_An­tifa

Quelle: Inforiot

18342388_292036231249235_7010650312484268417_nINFORIOT Das „F“ steht für Fe­mi­nis­mus und ohne die­sen kann An­ti­fa­schis­mus nicht be­stehen. Und ein Fe­mi­nis­mus ohne An­ti­fa­schis­mus „läuft nicht“. Dies sind die Leit­ideen des F_an­tifa Kon­gres­ses, der un­ter dem Motto „Vor je­der gu­ten An­tifa steht ein fet­tes F!“ vom 12. bis 14. Mai im frei­Land Pots­dam statt­fin­den soll. In Vor­be­rei­tung auf das Wo­chen­ende ha­ben wir mit den Organisator*innen des drei­tä­gi­gen Kon­gres­ses ge­spro­chen.

IR: Auf eu­rer Web­seite fin­det sich eine Menge an In­for­ma­tio­nen zum Kon­gress und drum herum. Uns würde in­ter­es­sie­ren, was euch dazu be­wegt hat, den Kon­gress zu or­ga­ni­sie­ren und warum eure Wahl aus­ge­rech­net auf die Stadt Pots­dam ge­fal­len ist.

Trixi: Also erst­mal sind Fe­mi­nis­mus und An­ti­fa­schis­mus Herz­stü­cke un­se­rer po­li­ti­schen Ar­beit. Die Kombi F_an­tifa ist also quasi PERFEKT.

Charles: In den 90ern gab es schon mal eine Reihe von F_an­tifa Kon­gres­sen, die ist aber ir­gend­wann ab­ge­ris­sen. Der Kon­gress letz­tes Jahr in Ham­burg wurde im Vor­feld von vie­len als „In­stanz“ wahr­ge­nom­men und dank­bar be­grüszt* und auch wir ken­nen uns teil­weise da­her. Aus der f_an­ti­fa­schis­ti­schen Mo­ti­va­tion, die wir dar­aus mit­ge­nom­men ha­ben, ist dann der Wunsch ent­stan­den, die The­men und die Ver­net­zung wei­ter­zu­tra­gen. Und auch Sa­chen an­ders zu ma­chen, die wir auf dem Kon­gress in Ham­burg un­cool fan­den. Die Ent­schei­dung, den Kon­gress in Pots­dam zu ver­an­stal­ten, hat ganz prag­ma­ti­sche Gründe: Die Initiator*innen woh­nen und le­ben hier. Aus­zer­dem woll­ten wir es nicht in Ber­lin oder an­de­ren (lin­ken) Zen­tren wie Ham­burg oder Leip­zig ma­chen.

IR: Wie wa­ren denn die an­de­ren Re­ak­tio­nen auf eure Idee – bun­des­weit, vor al­lem aber in Bran­den­burg?

Trixi: Wir ha­ben span­nen­der­weise sehr un­ter­schied­li­che Re­ak­tio­nen be­ob­ach­tet: Das Feed­back aus Öster­reich, der Schweiz und bun­des­weit, das wir mit­ge­kriegt ha­ben, war su­per po­si­tiv. Viele Men­schen sind schon ganz auf­ge­regt und vol­ler Vor­freude. Bran­den­burg kön­nen wir nur schwer ein­schät­zen, da wir nicht übe­r­all hin ver­netzt sind. Hof­fent­lich ändert sich das auf dem Kon­gress. WO wir ver­netzt sind, sind wir zum ei­nen auf Be­geis­te­rung ge­sto­ßen
– und auch auf tat­kräf­tige Un­ter­stüt­zung bei Auf­bau, Work­shops und so. Zum an­de­ren auf Skep­sis. Es gibt im­mer wie­der Mo­mente, in de­nen Leute uns ir­gend­wel­che Kom­pe­ten­zen ab­spre­chen. Wir fän­den es span­nend, dar­aus eine of­fene Dis­kus­sion zu ma­chen: Wie kom­men wir zu ei­ner so­li­den kri­tisch-so­li­da­ri­schen Pra­xis, um Bran­den­burg ernst­haft f_an­ti­fa­schis­tisch re­vo­luz­zen zu kön­nen? Da ist noch Platz nach oben. Auch in Pots­dam selbst waren/ sind die Re­ak­tio­nen sehr un­ter­schied­lich. Viele Men­schen freuen sich to­tal und un­ter­stüt­zen den Kon­gress hart, ins­ge­samt fin­den wir die Re­ak­tio­nen aber eher mau und ver­hal­ten. Wir ha­ben die Be­ob­ach­tung ge­macht: Je lo­ka­ler, desto kri­ti­scher und ab­che­cken­der wird die Hal­tung, die Aktivist*innen Pro­jek­ten, die sie nicht selbst in­iti­iert ha­ben, ge­gen­über ein­neh­men. Viel­leicht auch, weil mehr per­sön­li­cher Stis­sel im Spiel ist, donno.

Frida: Wer übri­gens das F_an­tifa-Pla­kat an der Busse über­malt hat und dort das „F“ vor „An­tifa“ weg­ge­krit­zelt hat, melde sich bitte un­ter fettesf@systemli.org bei uns. Dann kriegste aufs Maul!

IR: Das Thema Fe­mi­nis­mus scheint der­zeit eine Hoch­kon­junk­tur zu er­le­ben. Was zu be­ob­ach­ten ist. Das ist ab­so­lut über­wäl­ti­gend und un­ter­stüt­zens­wert. Was er­hofft ihr euch von dem Kon­gress?

Frida: Mehr da­von! Mehr F_an­tifa! Mehr Kon­gresse, mehr Ver­net­zung, mehr Grup­pen, mehr Ak­tio­nen, mehr Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten.

Charles: Wir wa­ren uns schon re­la­tiv am An­fang der Orga-Phase ei­nig, dass die Stim­mung, die wir uns er­hof­fen, von Em­power­ment und An­griff ge­prägt sein soll.

Trixi: Ja, wir ha­ben keine Lust auf so’n „Op­fer-Kon­gress“, wo wir uns nur ge­gen­sei­tig er­zäh­len, wie schlimm und hoff­nungs­los al­les ist, und da­nach alle de­mo­ti­viert und trau­rig und ge­schwächt nach Hause ge­hen.

Charles: Das Pro­gramm geht auch recht stark Rich­tung All­tags­pra­xis. Auf dem Kon­gress wird es meh­rere Plena mit al­len ge­ben, es gibt Raum für Open Spaces, also ins­ge­samt ei­nen ge­wis­sen DIY­Cha­rak­ter (DIY = do it yours­elf). Schön wäre es, wenn sich die Teilnehmer*innen ge­gen­sei­tig Skills und Wis­sen für ihre wei­tere po­lit­sche Ar­beit mit­ge­ben kön­nen: So, dass An­ti­fas fe­mi­nis­ti­scher und Feminist*innen an­ti­fa­schis­ti­scher wer­den.

IR: Be­reits letz­tes Jahr fand in Ham­burg ein ähn­li­cher F_an­tifa Kon­gress statt. Über­schat­tet wurde das Wo­chen­ende je­doch von struk­tu­rel­len Pro­ble­men der An­tifa-Szene. Vor al­lem nicht-weiße Aktivist*innen fan­den sich auf dem Kon­gress nicht aus­rei­chend ge­schützt und ge­hört. Wie kön­nen wir von den Er­eig­nis­sen aus Ham­burg ler­nen und wie sieht eu­rer Stra­te­gie auf dem Kon­gress aus, um nicht die glei­chen Feh­ler zu wie­der­ho­len?

Trixi: Ei­nige von uns (weisze Per­so­nen) wa­ren in Ham­burg. Wir ha­ben dort viel ge­lernt. Danke, dass F_an­ti­fas of Co­lour sich den Stress ge­macht ha­ben, zu in­ter­ve­nie­ren, Kri­tik of­fen zu äus­zern, und durch­zu­figh­ten, dass es die Re­flek­tion zu sys­te­ma­ti­schem und struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus in der Antifa/in fe­mi­nis­ti­schen Com­mu­nities gibt. Es ist na­tür­lich jetzt et­was doof, das aus un­se­rer Po­si­tion so zu sa­gen, weil erst­mal ja wie­der Leute ver­letzt wer­den muss­ten, da­mit weisze Aktivist*innen was ler­nen – aber die Dis­kus­sion in Ham­burg hat uns et­was bei­ge­bracht. Und jetzt sind wir trotz­dem gar nicht ge­feit da­vor, ähn­li­che Feh­ler zu ma­chen, weil wir sind auch ein grösz­ten­teils weiszes Or­ga­team und uns be­geg­nen im­mer wie­der ras­sis­ti­sche Denk­mus­ter in un­se­ren Köp­fen und ras­sis­ti­sche Hand­lungs­ge­wohn­hei­ten. So in­tui­tive NICHT-Solidaritäten und Maß­stabs­ver­schie­bun­gen. Was wir ver­sucht ha­ben, um­zu­set­zen: Es gibt ei­nen Safer Space für PoC auf dem Kon­gress. Es hat meh­rere antirassistische/intersektionale Work­shops, dar­un­ter auch „An­ti­ra­cism and An­ti­fa­scism“ de­si­gend für weisz-so­zia­li­sierte Teilnehmer*innen. Wir ha­ben die zu­tref­fende Kri­tik be­kom­men, dass un­ser Pro­gramm zwar „Cri­ti­cal White“ ist, aber wir da­mit wie­der nur Work­shops, in de­nen weisze Leute et­was ler­nen kön­nen, an­bie­ten. Jetzt ha­ben sich noch Per­so­nen ge­mel­det, die gros­zar­ti­ger­weise ei­nen Work­shop zum De­mon­tie­ren von in­ter­na­li­sier­tem Ras­sis­mus für PoC only ma­chen bzw. über­le­gen eine Ver­net­zungs­phase für FLTI of Co­lour only an­zu­stif­ten. Aus­zer­dem ha­ben wir ein­mal pro Tag Ple­num für alle, um Un­wohl­sein auf­zu­fan­gen. Und dann hof­fen wir auf eine so­lide In­ter­ven­ti­ons­kul­tur, wie in Ham­burg. Un­ser Claim am An­fang war: „Wir wol­len NEUE Feh­ler ma­chen. Wenn wir das schaf­fen, sind wir auf nem gu­ten Weg.“

IR: Auf eu­rer Home­page re­sü­miert ihr, dass ihr es als eine Not­wen­dig­keit er­ach­tet „Se­xis­mus in der An­tifa wei­ter­hin of­fen­siv an­zu­ge­hen“. Wel­che kon­kre­ten Maß­nah­men wollt ihr auf den Kon­gress er­grei­fen, um bei­spiels­weise Do­mi­nanz­ver­hal­ten von „ma­ckern­den Cis-Ty­pen“ ent­ge­gen­zu­wir­ken?

Trixi: Wir wet­zen schon mal die Mes­ser. Und es gibt Selbst­ver­tei­di­gungs­work­shops.

Frida: Ernst­haft: Wir wer­den ver­su­chen, in dem Ein­füh­rungs­vor­trag eine Ana­lyse an­zu­bie­ten wie Mackrigkeit/Patriachat funk­tio­niert und eine le­ben­dige In­ter­ven­ti­ons­kul­tur vor­zu­schla­gen. Dann bauen wir auf So­li­da­ri­tät und po­li­ti­sche Er­fah­rung von teil­neh­men­den F*antifas. Zu­dem sind ei­nige Work­shops FLTI only, da wer­den Cis-Ty­pen gar nicht erst rein­ge­las­sen. Um Do­mi­nanz­ver­hal­ten lang­fris­tig ent­ge­gen zu wir­ken wer­den Work­shops zu Kri­ti­sche Männ­lich­keit, zu Kon­sens, zu Re­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten auf se­xis­ti­sche Macht­scheisz… an­ge­bo­ten. Und viel­leicht kann ja die eine oder an­dere im Work­shop „Ma­cker weg­mo­de­rie­ren“ noch was dazu ler­nen. (;

IR: Nach und nach wird auf eu­rer Home­page das Pro­gramm ver­öf­fent­licht und es scheint ein viel­ver­spre­chen­des Wo­chen­ende zu wer­den. Was sind eure per­sön­li­chen High­lights, auf die ihr euch sehr freut und wel­chen Teil des Pro­gramms wür­det ihr Aktivist*innen be­son­ders ans Herz le­gen?

Charles: Naja jetzt auf je­den Fall „Self care als F*antifaschistin“. Knapp am burn-out, oida.

Trixi: Wer Ple­num macht wird um­ge­bracht!!!

Frida: Pro­kras­ti­na­tion bis zur Re­vo­lu­tion! Na­tür­lich liegt uns al­les am Her­zen, logo. Un­ser pro­gram­ma­ti­scher Aus­gangs­punkt war: Wir ma­chen das auf dem Kon­gress, wor­auf wir selbst Bock ha­ben. So ganz per­sön­lich hab ich rich­tig Lust klas­si­sche An­tifa-Skills im Re­cher­che Work­shop zu ler­nen. Und wir freuen uns auch rie­sig auf den gei­len Scheisz der in den Open Spaces ent­ste­hen wird. Also bringt mit, was im­mer ihr mit an­de­ren Men­schen tei­len wollt, in­iti­iert Ge­sprächs­kreise oder wor­auf ihr sonst so Bock habt. Wir sind aus­zer­dem sehr happy, dass wir tolle Men­schen ge­win­nen konn­ten, bzw. Men­schen auf uns zu­ka­men, die ei­nen „Bra­ver space für Men­schen mit jü­di­scher Ge­schichte“, „Selbst­ver­tei­di­gungs­trai­ning vom Rolli aus“ so­wie „Collec­tive Hea­ling from Opres­sion (PoC only)“
an­bie­ten.

Trixi: Ich bin schon rich­tig heiß auf „Ba­sis­de­mo­kra­ti­sche Ge­werk­schafts­ar­beit als an­ti­fa­schis­ti­sche Per­spek­tive“ von der FAU Dres­den und hof­fent­lich eine Dis­kus­sion dar­über, wie mensch Ge­werk­schafts­ar­beit fe­mi­nis­ti­scher ro­cken kann. Ich steh grad auf Struk­tur und Or­ga­nise­rung und ra­di­kale Gesamtscheisze-umwälzen-Ansätze.

Charles: Ich werde mir auf je­den Fall „How open are my po­lit­cal struc­tu­res for re­fu­gee wo­men“ von Wo­men in exile and fri­ends gön­nen und ein biss­chen Öko­no­mie­kri­tik darf auch nicht feh­len. Be­son­ders freuen wir uns auch über un­ser fet­tesf Po­lit-Kul­tur­pro­gramm, da gibt es z.B. eine Tanz-Per­for­mance zu Kör­per­nor­men in der NS-Zeit, ei­nen quee­ren Kurz­film­abend und eine Vor­füh­rung­ei­ner Rom­nja Ju­gend­Thea­ter­gruppe aus Ber­lin.

Frida: Wir sind selbst sau-ge­spannt, was dann letzt­end­lich auf dem Wo­chen­ende pas­siert und wie es Leu­ten geht und was dar­aus ent­steht. So Grosz­pro­jekte sind ja im­mer auch ein biss­chen ver­un­si­chernd. Un­term Strich wird’s FETT.

Vie­len Dank für das In­ter­view!

Mehr In­fos zu dem Kon­gress fin­det ihr un­ter: http://fettesf.blogsport.eu/

*An­mer­kung der Re­dak­tion: Die „sz“ Schreib­weise ent­spricht der Schreib­weise, die sich die In­ter­view­ten Per­so­nen aus­ge­sucht hat­ten und wird im Ori­gi­nal über­nom­men.

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